Glücksjäger

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Sie war sehr einfach gestrickt – alles an ihrem Wesen war einfach und unkompliziert. Sie nahm alles in ihrem Leben an, wie es kam, sie grübelte nie darüber nach, warum und weshalb etwas geschehen war oder was als Nächstes passieren würde. Sie ging ihren Weg mit einer Gelassenheit – nach außen wirkte es schon fast so, als würde sie nicht mal an ihrem eigenen Leben richtig teilnehmen. Es kümmerte sie nicht, was andere über sie sagten – die Leute reden doch sowieso immer, egal, wie man ist oder was man tut … Wieso sollte sie sich darüber Gedanken machen …? Es wäre doch reine Zeitverschwendung. Am Ende konnte sie die Ansichten oder gar Maßstäbe der anderen sowieso nicht ändern. Hauptsache, sie war mit sich selbst und mit ihrem Leben zufrieden.

Ihr Leben war genauso einfach gestrickt, wie sie selbst. Unauffällig, eintönig, ohne nennenswerte Highlights. Sie hatte einen Job in der Fabrik, wo sie nun seit zehn Jahren beschäftigt war. Eine Arbeit eben, um Geld zu verdienen – nicht mehr und nicht weniger. Sie konnte nicht behaupten, dass sie ihre Tätigkeit hasste; das nicht, aber es gab bestimmt auch etwas Besseres. Doch sie verspürte keinerlei Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen, höher gesteckte Ziele im Berufsleben zu erreichen. Tag für Tag stand sie am Fließband und tat, was getan werden musste: sie arbeitete. So konnte sie wenigstens mit ihren Gedanken alleine sein – nur in den Pausen wechselte sie ein paar Worte mit ihren Kollegen. Das war ja wohl nicht zu vermeiden. Doch ihre Belange interessierte sie im Grunde nicht – sie sprachen nur über ihre Probleme, die sie sowieso nichts angingen. Sie wollte sich nicht damit belasten, es schien ihr unnötig, an ihren Sorgen teilzuhaben, weil sie ihnen nicht helfen konnte, ihre Probleme zu lösen. Sie für ihren Teil war froh, ein einfaches Leben zu führen, das ihr mögliche Komplikationen ersparte, weil sie ohne besondere Ansprüche auskam.

Sie musste nicht die neuesten Dinge besitzen, um damit anzugeben, sie musste sich nicht nach dem letzten Schrei kleiden und sie musste auch nicht in Haubenrestaurants speisen, nur um bei nächster Gelegenheit am Arbeitsplatz darüber zu schwärmen. Nein, sie brauchte all das nicht. Alles Mögliche haben zu wollen stiftete nur Unzufriedenheit und Frust, weil man es am Ende doch nicht schaffte, alle Wünsche und Träume zu erfüllen. Ein solcher Weg konnte sehr steinig sein, das wusste sie – sie sah es oft genug bei den anderen. All zu hohe Erwartungen führten zu Enttäuschungen, die irgendwann Verbitterung auslösten. Enttäuschungen und Verbitterung konnten Einsamkeit verursachen, man verlor die Freude am Leben, man verlor sich irgendwann selbst und kam mit den Umständen nicht mehr klar. Irgendwann fühlt man sich krank und man wird auch krank. Eines Tages wünscht man sich vielleicht, dass in Anbetracht dieser Entwicklungen, besser gewesen wäre, lieber ein einfaches, dafür weniger anstrengendes Leben geführt zu haben.

Wozu all dieses Streben nach immer mehr, wenn man sowieso nichts mit sich nehmen kann, wenn man diese Welt für immer verlässt …? – so dachte sie bei sich. Sie konnte jedenfalls gut auf all die Hektik, Stress und Aufregung verzichten. Sie besaß nicht viel, doch das, was sie hatte, reichte ihr vollkommen. Für sie war es wichtiger, ohne Druck, ohne erdrückende Verpflichtungen zu leben, nur um aus dem Vollen zu schöpfen. Das Glück und die Zufriedenheit, die sie in ihrem Inneren hortete, machten ihr Leben für sie bedeutungsvoll und lebenswert. Sie gönnte es jedem, ein Leben, das man sich vorstellte, zu leben. Ob mit Besitztümer oder ohne. Jeder sollte es am besten wissen, was er für richtig hält, was ihm gut tut oder nicht.

Alles, was sie wollte war, ein zufriedenes Leben zu führen, das ihre innere Harmonie aufrechterhielt. Das war für sie wichtiger, als alles andere. So ging sie ihres Weges, staunend an vielen anderen vorbei, die sich im Dschungel ihrer Ansprüche und Erwartungen durchkämpfen mussten, um ihnen gerecht zu werden. An jenen, die dachten, erst zufrieden sein zu können, wenn sie ihre Begierden gestillt hätten. Die Enttäuschung saß ihnen ihm Gesicht, wenn sie den Kampf verloren und kraftlos auf ihrem steinigen Weg hinfielen. Jene, die versuchten mit aller letzten Kraft aufzustehen, um weiterzukämpfen aus Angst, niemals genug im Leben zu haben. Man brauchte doch so Vieles nicht, doch man jagte ständig etwas nach – man suchte verzweifelt nach dem Glück, nach alles, was glücklich machen konnte, weil man es so annahm und weil viele andere es auch taten.

Waren all diese Menschen wirklich glücklich? Machten alle ihre Besitztümer sie zufrieden und ausgeglichen? Es ist die Suche nach dem Glück, die häufig entgleist und immer mehr Menschen aus der Bahn wirft. Die Glücksjäger, die in ihrem Bestreben nach immer mehr, die wahre Bedeutung von Zufriedenheit vergaßen. Irgendwann haben sie dieses Wort – Zufriedenheit, samt ihrer Definition – einfach aus dem Fenster ihres rasenden Zuges geworfen.

© Sunelly Sims

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