Der Wald und seine Geheimnisse

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Photo © Sunelly Sims

Sie verweilte für ein paar Minuten auf einer der Holzbänke, die entlang der Flusspromenade in weiteren Abständen aufgereiht waren. Sie liebte es am Flussufer spazieren zu gehen, sie genoss die ruhige, sattgrüne Umgebung und lauschte der Stille der Au. Je weiter sie flussaufwärts ging, umso seltener kamen ihr andere Menschen oder Radfahrer entgegen, die an schönen, sonnigen Frühlingstagen, wie es heute war, frische Energie in der entspannten Atmosphäre der Au tanken wollten.

Dabei konnte sie sich früher nie vorstellen, alleine spazieren zu gehen. Es wäre ihr langweilig vorgekommen, niemanden an ihrer Seite zu haben, um über Gott und die Welt zu reden, ihre Gedanken mit jemandem auszutauschen. Ohne einen Gesprächspartner fühlte sie sich nicht nur physisch alleine, ihre Gedanken über alles Mögliche blieben in ihrem Kopf eingesperrt und kreisten, als befänden sie sich in einer Endlosschleife – gezwungen, auf kleinstem Raum zu gedeihen. Ohne Hoffnung, frei und mühelos durch ihre Kehle und ihren Mund nach außen zu drängen. Nur wenn sie ihren Mund leicht öffnete, machten ihre Gedanken augenblicklich die richtigen Worte ausfindig und sie strömten in Worte gekleidet aus ihrem Kopf, der Brutstätte ihrer Gedanken hinaus, als wären sie ein breiter Strom des Flusses. Dann konnte sie sie nicht mehr aufhalten, sie nicht mehr ändern oder rückgängig machen, weil die Gedanken, die sich von einer Sekunde auf die andere zu Worten formten, immer schneller wurden und bahnten unaufhaltsam ihren Weg ins Freie.

Die frei gelassenen Gedanken, in Worte gekleidet, überquerten den Fluss und verloren sich in der Dichte des Waldes, der am anderen Flussufer lag. Der Wald fing die Worte auf, sie wurden mit den Bäumen eins. Schweigende Bäume, Zeugen der Zeit, Zuhörer und stille Beobachter von Mensch und Natur. Gedanken und Worte der Wanderer, Spaziergänger fanden hier ein geheimes Versteck, einen Ort, an dem sie unsichtbar und unauffindbar waren. Tausende Gedanken und Tausende Worte unter sich – fremde und bekannte, ruhten in der Tiefe des Waldes; es war für alle Platz.

Manchmal kehrten die Menschen zurück und sie erinnerten sich, woran sie in der Stille des Waldes vor einiger Zeit dachten, worüber sie früher mal sprachen. Dann wurden die Gedanken, die Worte von damals gerufen – sie konnten die Erinnerungen der Menschen hören. Sie eilten herbei, brachten gute Laune oder Traurigkeit – oft tauchten tröstende Worte auf, die einst andere Menschen im Wald hinterließen, um zu helfen, die Schwere im Herzen der Menschen zu erleichtern. Die Bäume und ihre gefallenen Blätter sahen auch die Tränen in den Menschengesichtern und saugten sie still auf, als sie Perle für Perle den Boden berührten, wenn die Menschen an vergangene, traurige Tage dachten. Gedanken und Worte von einst hallten noch heute in ihren Ohren, die sie dem Wald anvertrauten. Viele Menschen kamen in den Wald zurück, weil ihre Erinnerungen es so wollten – sie wussten, dass der Wald und die stummen Bäume ihre Gedanken und Worte von einst für immer aufbewahrten. Es war ein Ort, der sie nichts vergessen ließ.

© Sunelly Sims

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