Doch die Liebe bleibt

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Ein unheimlich großer Druck lastete auf ihm. Er konnte einfach nicht glauben, was seine innere Zerrissenheit immer stärker von ihm verlangte. Er musste endlich eine Entscheidung treffen, er musste sich zwischen zwei Frauen entscheiden. Gerade ihm musste so etwas passieren! Er, der immer versucht hatte, jeder Entscheidung irgendwie aus dem Weg zu gehen, jede Situation zu vermeiden, sich mit irgendwelchen Zusagen festnageln zu lassen. Tief in seinem Inneren hasste er sich selbst für diese Schwäche, weder A noch B sagen zu können. Bis jetzt gelang es ihm recht gut, den Weg der goldenen Mitte zu wählen – schließlich war er immer bereit, Kompromisse einzugehen. Nur bitte keine eindeutigen Entscheidungen – kein Ja oder Nein! Allein schon der Gedanke, sich für oder gegen etwas entscheiden zu müssen, trieb ihm Schweißperlen ins Gesicht. Je länger seine Überlegungen andauerten, umso stärker ergriff Panik von ihm Besitz.

Was ist, wenn er eine falsche Entscheidung traf, die er sein Leben lang bereuen würde …? Wie sollte er damit leben …? Konnte er dann alles noch rückgängig machen …? All diese Fragen kreisten ständig in seinen Gedanken, er konnte nicht mehr klar denken. Zu groß war seine Angst vor der Reue, die um ihn herum schleichend bereits darauf wartete, dass er die falsche Entscheidung traf und ihn mit Gefühlen der Verbitterung überfluten konnte.

Christa oder Ella … Ella oder Christa … ? Er wusste es nicht. Er liebte beide Frauen. Die eine wie eine Wildkatze, die andere wie ein sanfter Engel. Er selbst, mit seinem Wesen stand irgendwo dazwischen – er brauchte beide Frauen, um sich selbst ganz zu fühlen. Drei Wesen, eine Einheit, die Summe seiner Teile, vereint, miteinander verschmolzen. Auf welchen Teil konnte er verzichten …? Er fand einfach keine Antworten und er wollte auch nicht.

Doch sein Leben geriet immer mehr aus dem Ruder – es wurde immer komplizierter, ein Doppelleben, wie seines geworden war, weiterzuführen. Wenn er alleine war – selten aber doch manchmal – fühlte er sich ausgelaugt und der schieren Verzweiflung nahe. Er wusste innerlich, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Immer mehr mit dem feinen Netz der Gefühle umwoben, fühlte er sich verhängnisvoll gefangen und unfähig, in seinem Inneren Klarheit zu schaffen. Er stand längst nicht mehr am Abgrund, er schwebte zwischen Himmel und Erde, wo er langsam aber sicher hart aufschlagen würde – das ahnte er bereits. Er versuchte, diesen Gedanken und das lähmende Gefühl seiner Ängste zu verdrängen – so gut es ging. Er ließ sich von den Frauen ablenken – sie unternahmen viel, er war oft mit ihnen unterwegs. Mal mit Christa, mal mit Ella. Die beiden Frauen wussten nichts voneinander. Noch nicht.

Doch wie lange würde das noch so bleiben …? Wie lange konnte er diesen Spagat zwischen seinen Verabredungen noch schaffen, ohne irgendwann verdächtig zu wirken …? Die Angst saß ihm im Nacken, er konnte sie nicht mehr wegscheuchen. Oder war es eher das schlechte Gewissen …? War er in Wirklichkeit ein Lügner, ein Betrüger, der anderen etwas vormachte, nur um aus dem Vollen zu schöpfen und das Optimum für sich selbst zu erreichen …? Das Problem war, er liebte sie beide über alles. Er hätte es nie für möglich gehalten, dass ihn die Liebe – die schönste Sache der Welt – in ein Doppelleben stürzen ließ und ihm eine so große Verzweiflung bescherte.

Je länger er mit der schwerwiegenden Entscheidung zögerte, umso tiefer sank er in dem bodenlosen Ozean seiner Gefühlswelt. Er schlief sehr schlecht und in seinem Beruf war er unkonzentriert. Nur wenn er sich mit einer der beider Frauen traf, blühte er wieder auf. Bei ihnen vergaß er alle seine Sorgen, Bedenken, schlechtes Gewissen und seine Ängste – er genoss den Augenblick. Er reiste mit ihnen abwechselnd – mal ans Meer, mal in fremde Städte oder zur Wanderung in der Natur. In diesen Augenblicken wusste er, wer er war, er fühlte sich selbst sehr nahe. Nur wenn er alleine war, fühlte er sich schlecht, falsch, unehrlich und als Betrüger. Das Gefühl drängte sich immer stärker in ihm auf, dass es nicht richtig war, was er tat. Aber DIE LIEBE!

In seinem Inneren kämpfte er gegen Windmühlen und hatte beängstigende Vorahnungen. Er befand sich in einer Zwickmühle, ohne zu wissen, wann das schlimme Ende kam. Als würde er in einer Leere schweben, ohne Halt, doch er klammerte sich fest an der Liebe, die ihn nicht in Stich lassen durfte – so dachte er bei sich. Die LIEBE musste ihn doch retten! Er sah sich selbst dabei zu, wie er immer länger an derselben Stelle trat und seine innere Zerrissenheit immer stärker wurde, sodass er manchmal nach Luft schnappen musste, weil die Angst vor der Wahrheit, der er sich stellen sollte, ihm die Kehle zuschnürte. Er wusste, dass das Leben einfach nur zusah und nichts für ihn tat – er selbst musste eine Entscheidung treffen, das war ganz allein sein Los. Diesmal konnte er nicht ausweichen, ganz egal, wie lange er zögerte. Die Stunde der Wahrheit wartete auf ihn – still und beobachtend, bis er diesen Zustand nicht mehr aushielt und den Frauen reinen Wein einschenkte.

Und er ahnte bereits, dass er beide verlieren würde, so als hätten sie niemals existiert, würde er die Straßen alleine, voller Schmerz in seiner Seele durchstreifen, wie betäubt und gedankenlos, ob es draußen schneite oder regnete. All die schönen Erinnerungen, Augenblicke, die er mit ihnen erlebte, würden wie ein schwerer Mantel auf seinen Schultern lasten und ihn erdrücken, die Luft aus seinen Lungen pressen. Er würde im Meer seiner Tränen, die sein Herz überfluteten, hilflos ertrinken.

Er hörte die Stimmen im Fernsehen, doch die Worte, die der Nachrichtensprecher sagte, konnten nicht in sein Bewusstsein drängen – sie klangen schwerfällig und verzerrt, unwirklich und absurd … Was … was sagt er da … Nein, das kann nicht sein …

Bilder von einem Unfall auf der nahe gelegenen Autobahn, die den Bericht glaubhaft und real machen sollen, blitzten vor seinen Augen auf – sein Blick starr und bewegungslos auf den Bildschirm geheftet. Ein betrunkener Geisterfahrer und mehrere Unfallopfer … Massenkarambolage … zwei Frauen tot … aus ihren Fahrzeugen geschleudert … Bilder des Grauens und anschließend wurden noch die Passfotos der beiden Frauen eingeblendet, die ihren schweren Verletzungen noch am Unfallort erlegen waren. Fotos, an denen sie noch lebendig aussahen, weil die Liebe durch ihre Augen strahlte. Lebendig und lebensfroh, weil sie das Leben liebten. Das Leben, das ihnen einen Mann schenkte, von dem sie wussten, dass er sie mit jeder Faser seines Körpers, vom ganzen Herzen liebte. Zwei Frauen, die einander nicht kannten, voneinander nichts wussten, verloren ihr Leben, um ihn von der schwierigsten Entscheidung seines Lebens zu befreien.
Zufall oder Schicksal …? Das Leben, das keinen Stillstand duldet, fällte eine Entscheidung …
Und er, er schwebte nicht mehr – er spürte den harten Aufschlag, der sein Herz zerschmetterte.
Doch die Liebe, sie blieb.

© Sunelly Sims

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