Die allerletzte Frage

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Sein Blick und seine Körperhaltung strahlten Gelassenheit aus. Er wusste, dass es um viel ging, schließlich brauchte er das Geld. Doch aus Erfahrung wusste er, dass er keinen verzweifelten Eindruck machen durfte, wenn er diesen Job bekommen wollte. Personalchefs mochten keine Bewerber, die sich an jedem Strohhalm festklammerten, in der Hoffnung, endlich eine Stelle zu ergattern. Verzweifelte Jobsuchende, die sich wahllos auf jede halbwegs passende Stellenanzeige bewarben, ohne wirkliches Interesse, oder ein Fünkchen Begeisterung für die freie Stelle zu haben. Leider befand er sich wie schon so oft in einer ähnlichen Situation. Die Branche, das Unternehmen und dieser Job erweckten bei ihm keinerlei Interesse, geschweige denn lodernde Flammen der Begeisterung. Er brauchte bloß das Geld um zu leben.

Doch er war ein Meister in Vorspiegelung von falschen Tatsachen, was seine Interessen und eigentliche Ziele betrafen. Er spielte meisterhaft Begeisterung vor, wo er im Grunde bloß Langeweile empfand. Er wusste, welche Antworten man von ihm hören wollte, um sein Bewerbungsprofil im Laufe des Gesprächs passend einzustufen. Er wusste, wie er sich geben musste, um eine reale Chance für die Besetzung der vakanten Stelle zu bekommen. Angst hatte er vor der Befragung keine, seine Selbstsicherheit wurde mit jedem Mal, als er den Job wechselte, größer. Schließlich hat es bis jetzt funktioniert – warum also nicht auch diesmal …? Er war ein erfolgreicher Job-Finder. Alle möglichen Antworten waren bereits einstudiert, er hatte alles im Griff. Er rechnete mit keinen Überraschungen, es sei denn, er würde auf der Stelle, mitten im Gespräch eine fixe Zusage für diesen Job bekommen.

Etwas überraschend war es dann doch, als er bereits eine halbe Stunde später wieder vor der Eingangstüre des Unternehmens, bei dem er sich gerade beworben hatte, stand. Er konnte noch immer keinen klaren Gedanken fassen, er fühlte sich wie betäubt. Wie ferngesteuert ging er Richtung U-Bahn, wo er sich unter der Menschenmenge wieder etwas besser und erleichtert zu fühlen erhoffte.
Die Tatsache jedoch, dass er sich offenbar noch immer nicht von seiner Vergangenheit lösen konnte, bescherte ihm schiere Verzweiflung. Bittere Erinnerungen brachen mit der Wucht eines Vorschlaghammers aus ihm heraus, als noch jeder im Laufe seiner Schulausbildung auf ihn verbal einprügelte – auch seine Eltern und nicht mal sein Bruder bildeten da eine Ausnahme. Alle hackten auf ihm herum und behaupteten stets, dass er ein Loser war, und würde für den Rest seines Lebens ein Versager bleiben.

Er würde es doch niemals schaffen, im Leben weiterzukommen, etwas zu erreichen, um gut und ehrenhaft dazustehen. Damit man stolz auf ihn sein konnte. Er hätte nicht genug Kraft und Ausdauer, sich alles im Leben, was wichtig war, zu erkämpfen. Er würde nie etwas Ausragendes leisten, um aus der Masse der namenslosen Durchschnittsbürger heraus zu stechen. Schlimmer noch – er würde ein langweiliges Leben führen, stets von Geldsorgen geplagt und unzufrieden mit sich selbst. Er wäre niemals in der Lage, sein Leben in den Griff zu bekommen.
Ja, all das wurde ihm vorhergesagt, mehr noch: einsuggeriert. Er versuchte, sich dagegen zu wehren, doch irgendwann wurde es fast unbemerkt zu seiner Wahrheit. Er lebte in ständiger Angst, in allen Bereichen seines Lebens zu versagen, und von anderen verlassen zu werden. Er hatte Angst vor Misserfolg, Angst vor der Einsamkeit. Angst vor finanziellen Problemen, Angst vor einer neuen Beziehung und Angst in einer bestehenden Beziehung, wenn er es überhaupt schaffte, eine Frau auf Dauer an sich zu binden. Er trug viele Ängste mit sich herum, sie nagten an ihm innerlich und machten sich in ihm breit.

Dennoch: Er wollte ständig das Gegenteil beweisen, er lernte mit der Zeit, all diese Ängste einzumauern, eine unsichtbare Festung um sie herum, tief in seinem Inneren zu errichten. Niemand hatte Zugang zu diesem Bereich, er gestattete nicht mal sich selbst, die Schwelle dieser Festung zu überschreiten. Ein Versuch als Solches hätte ihn noch mehr Angst eingeflößt. Er hätte sich eine Flut von Emotionen über sich ergehen lassen müssen, die ihn gnadenlos in den tiefen Abgrund, der sich schon vor Jahren vor seinen Füßen auftat, gestoßen hätten.
Ja, man sollte die Vergangenheit lieber ruhen lassen, sagt man doch immer. Und er war sich sicher, diese Fähigkeit zu beherrschen. Er dachte, mit der Zeit gelassen genug geworden zu sein, um nach einer solchen Frage wie eben bei seinem Bewerbungsgespräch, nicht mehr die Nerven zu verlieren und die Kontrolle über seinen Emotionen zu bewahren. Warum gerade jetzt …? – fragte er sich. Während er auf die U-Bahn wartete, zitterte er innerlich immer noch vor Scham. Seine innere Welt gerät außer Kontrolle und drohte über ihn einzustürzen. In seinem Inneren tobte grenzenloser Aufruhr.

Er starrte auf die Bahngleise vor dem Perron. Der graue Stahl hatte einen eigenartigen Glanz – ein kurzweiliges Aufflackern, um danach wieder mit der grauen Eintönigkeit des Metalls zu verschmelzen. Grau, matt und glanzlos, wie auch sein eigenes Leben war. Er konnte bereits das ratternde Geräusch der immer näher kommenden U-Bahn Garnitur hören, auch wenn er sie noch nicht sehen konnte. Ein paar Sekunden später leuchteten schon die Scheinwerfer des Führerwaggons in der Kurve auf und am liebsten hätte er alle seine Ängste, all seine Scham, die er sein ganzes Leben lang spürte, auf die vor ihm liegenden Gleise geworfen, um sie für immer loszuwerden.
Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass sie unzerstörbar waren. Sie alle waren so lange unzerstörbar, bis sie ihn vollständig zerstörten. War das der Preis dafür, um sie für immer loszuwerden …? Um sich von ihnen endlich zu befreien …?

Die Antwort, die ihm sofort durch den Kopf schoss, war nicht einstudiert. Als hätte diese Antwort bereits jahrzehntelang in seinen Gedanken existiert, darauf wartend und lauernd, bis er bereit war, ihr zu erlauben, in sein Bewusstsein zu drängen, um ihn von seinem stahlgrauen, langweiligen Dasein, mit all seinen Ängsten, die ihn innerlich auffraßen, zu befreien. Die allerletzte Frage, die in seinem Kopf hämmerte, ließ ihn mit einem einzigen, plötzlichen Ruck, als wären unsichtbare Hände am Werk, in den Abgrund stürzen um mit der glanzlosen Eintönigkeit der Bahngleise eins zu werden.

„Gibt es etwas in Ihrem Leben, worauf Sie besonders stolz sind, es erreicht zu haben?“ – fragte der Personalchef den Bewerber, der ruhig und gelassen wirkte. Bei ihm hatte der Personalchef sofort den Eindruck, dass sein Leben nicht davon abhängen würde, ob er diesen Job bekam oder nicht. Er konnte keine Spur von Verzweiflung bei ihm entdecken, die an den meisten Bewerbern innerlich nagte und sich in ihren Augen widerspiegelte. Er roch förmlich ihre Angst. Und solche Bewerber kamen sowieso nicht für diesen Posten infrage – dachte der Personalchef bei sich. Aber dieser Mann hier … er war anders …

Doch die allerletzte Frage, die ihm gestellt wurde, blieb im Bewerbungsgespräch und auch in seinem Leben unbeantwortet. Die allerletzte Frage, die nur mit einer Verzweiflungstat beantwortet werden konnte – eine Tat, die sein beschämendes Dasein und alle seine Ängste für immer auslöschte.

© Sunelly Sims

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